Die Meinung, dass ein britisches Team auch einen britischen Weltmeister bevorzugt, ist nicht neu.
Solche Theorien tauchen immer dann wieder auf, wenn der Lieblingsfahrer nicht den Support bekommt, den man sehen will. Oder manchmal auch nur einfach der, der einem lieber ist. So war es z.B. auch 2016, als Nico Rosberg Lewis Hamilton in der WM schlagen konnte. Es wurde gesagt, dass Mercedes als deutsches Team auch einen deutschen Weltmeister will – Grundlage war der Motorschaden von Lewis, was Nico in Position brachte. Dass er einfach in einer Topform war und am Ende nur noch managen musste, das hat wohl keiner mitbekommen. Aber, es geht hier um McLaren.
Hier kann man den Grund deutlich auf Monza datieren, als Piastri mit Norris den Platz tauschen musste. Dies kostete ihm natürlich 3 Punkte im Duell mit eben diesem Briten und der Grund dafür ist in den Köpfen mancher, der verpatzte Boxenstopp. Das ist allerdings nicht ganz korrekt. McLaren undercutet sich nicht selbst – das sind die Papaya-Regeln. (Ein Teil davon.) Ohne den verpatzten Stopp wäre Piastri nicht mal vorbeigekommen, also ist es nur logisch, den Undercut rückgängig zu machen. Beweis dafür ist Ungarn 2024 – darüber habe ich schon separat geschrieben, deswegen gehe ich darauf nun nicht mehr genauer ein.
Seit Monza hat Piastri aber Probleme. Nicht mal im Sprint unter den Top 3, dazu 3 Ausfälle durch Unfälle, einmal sogar den Teamkollegen gerammt und einmal auch im Qualifying verunfallt. Da geht es dann gleich los „Der hat doch nicht auf einmal das Fahren verlernt.“ Hat er auch nicht. Aber die These, dass McLaren ihm mit Absicht schlechteres Material gibt, ist schon weit hergeholt. Welchen Grund, außer eben „Britischer WM“ könnte man haben? Lieber also den Titel ganz verlieren, als Piastri als WM? Was wäre denn, wenn im nächsten Rennen Oscar wieder schlechteres Material hat, mit der kein Podium holen kann, Norris aber wieder keine Punkte holt? Egal ob DSQ oder DNF – Nullrunde ist Nullrunde und wenn Max gewinnt, ist die WM Führung futsch. DANN muss Norris Max auf der Strecke schlagen und das wird schwer.
Über die gesamte Sportgeschichte hinweg gibt es etliche Beispiele dafür, dass Sportler manchmal in einem Formtief stecken und dann auf einmal so wirken, als hätten sie ihr Talent verloren. Der Stürmer, der 20 Spiele lang kein Tor gemacht hat, aber eigentlich dafür bekannt ist, eine Tormaschine zu sein. Hat dieser auf einmal sein Talent verloren? Oder stellt der Verein ihm auf einmal schlechteres Material hin? Ja, Fußball ist ein Mannschaftssport und nur bedingt vergleichbar, aber auch die Formel 1 ist ein Teamsport – das vergessen manche, denn die dicke Kohle kommt bei der Konstrukteurs-WM.
Viel mehr werden Menschen allgemein, auch Hochleistungssportler, manchmal nervös. Um beim Stürmer zu bleiben: „Ich habe immer in jedem Spiel getroffen, jetzt in 5 Spielen in Folge nicht mehr.“ Sowas kann sich im Unterbewusstsein einprägen. Schon ist man in einer Abwärtsspirale, die sich quasi selbst verstärkt. „Jetzt muss es aber klappen.“ – Klappt wieder nicht, die Nervosität wird größer, der Druck wird intensiver. Genau das erlebt Piastri gerade. Und ich kann es auch relativ gut belegen, und muss dafür nur zu seinem Heimrennen 2025 zurückspringen. Er duellierte sich da mit Norris um die Führung, kam von der Strecke ab, fiel auf den letzten Platz zurück und wurde trotzdem noch Neunter. Klasse gemacht, bis eben auf dieses eine Malheur. Das passiert ausgerechnet in seinem Heimrennen, vor seinen heimischen Fans? Ist man da nicht gerade extra motiviert? Mithalten konnte er auf jeden Fall, aber er wollte den Sieg – und genau deswegen hat er immer mal wieder auch einen kleinen Fehler gehabt. Und das ist auch nicht weiter schlimm, auch wesentlich erfahrene Piloten hatten bei den Bedingungen Probleme. Oscar ist ja erst im dritten Jahr und Norris hatte letztes Jahr ein ähnliches Erlebnis. Der Druck im WM Kampf in der entscheidenden Phase, ist nochmal ein anderer, als der, wenn es um einen Rennsieg geht, oder zu Beginn der Saison.
Im Übrigen: Das ist wahrscheinlich auch der Grund bei Hamilton. Neues Auto, neues Team – und dann klappt es nicht sofort. Mit jedem „Nicht-Podium“ steigt der Druck, jetzt endlich zu performen. Dann kommt der Teamkollege aufs Podium und man selbst nur auf Platz 8. Das ist weit hinter den Erwartungen von Ferrari, von den Zuschauern und auch von Lewis selbst. Und damit steigt der Druck nochmal. Auch Sainz hat eine Zeit gebraucht, um sich an Williams zu gewöhnen.
Das ist der Teil, der auf Oscar allein zurückzuführen ist. Damit ist aber die Bevorzugung nicht vom Tisch, denn die haben wir noch gar nicht geprüft.
Widmen wir uns also nun mal dem. Wenn McLaren einen Briten als WM haben will, warum wurde in der Vergangenheit nicht auch so vorgegangen? 1974 wird Emerson Fitipaldi im McLaren Weltmeister, im zweiten sitzt mit Mike Hailwood ein Brite, der nach den ersten drei Rennen punktgleich ist – warum wurde da nicht geschaut, dass man diesen nach vorn bringt? Okay, vielleicht ein wenig zu weit weg, damals waren die Autos nicht so haltbar und es gab Streichresultate. Dann gehen wir doch ins Jahr 1998 – warum hat man nicht David Coulthard zum Weltmeister gemacht, sondern Mika Häkkinen? Warum hat man 2007 nicht Hamilton unterstützt? Ja, gut, das war die Ära Dennis. Jetzt sind es ja nun mal Brown und Stella. Da muss ich gar nicht soweit zurückgehen. 2024 wurde Norris nicht bevorzugt – das belegen Ungarn, Monza und Baku. Letztes Jahr hätte es aber noch mehr Sinn gemacht.
Davon ab, warum sollte ein Team das tun? Wegen Geld? Nun, marketingtechnisch ist es für das Unternehmen sehr viel besser, wenn der Titel im Team ausgemacht wird, keine Frage. Oscar schlechteres Material hinzustellen, hätte den Konstrukteurstitel in Gefahr gebracht und auch die Fahrer-WM, die man natürlich am besten auf 1 und 2 beendet. In Großbritannien ist McLaren, als eines der ältesten und erfolgreichsten Teams, eine Nummer. In anderen Ländern nicht so. Hier könnte ein Fahrer-WM aus dem Land auch Merchandiseverkäufe ankurbeln.
Eine medizinische Redewendung lautet: „Wenn du Hufgetrappel hörst, denk an Pferde und nicht an Zebras.“
Sinngemäß bedeutet dies, dass wir uns zuerst mit dem Wahrscheinlichen befassen sollen.
Und wenn wir alle Faktoren bedenken – nämlich auch, wie Unternehmen und die Formel 1 funktionieren, dann kann man nicht ernsthaft von einer Bevorzugung sprechen. Auch wenn Gunther Steiner das so sieht – der redet viel, wenn der Tag lang ist. Es gibt keinen Beleg dafür, der irgendwie nachweisbar ist – aber es gibt einen absolut nachvollziehbaren Grund. Jeder von uns war schon mal nervös und aufgeregt in einer Situation, das ist menschlich. Und klar, Profisportler haben ein ganz anderes Nervenkostüm, als „Normalos“ – die sind aber trotzdem noch Menschen, werden nervös und machen Fehler. Der eine mehr, der andere weniger. Auch ein Lewis Hamilton hat 2007 den Titel im letzten Rennen wegen eines Verschaltens verloren. Falls ihr das nicht mehr wisst, hier ist der Beleg dafür.
Anekdote von mir: Als ich vor meinem Heimpublikum im Ring stand, war ich alleine schon deshalb nervös und habe nichts mehr auf die Reihe bekommen. Im Publikum saßen Leute, die ich kannte – aus meiner Schulzeit, von meiner Zeit als Fußballtrainer – da wollte ich gut aussehen. Und sah am Ende blöd aus.
Und einen absolut nachvollziehbaren Grund liefert auch Brown selbst, egal ob ihr den nun glauben wollt, oder nicht: Wie soll man entscheiden, wer WM wird, wenn beide Fahrer einen Punkt auseinander sind? Münze werfen? Und wie bringt man das dann dem „Verlierer“ bei, dass man durch Zufall entschieden hat?
Ich habe McLaren letztes Jahr kritisiert, da ein „Freies Fahren“ in meinen Augen bei dem Rückstand keinen Sinn machte, sondern ein Fokus auf den besserplatzierten, angebracht gewesen wäre. Damals hätte man Oscar aber noch besser erklären können, dass er erstmal zurückstecken muss, denn Piastri hatte 131 Punkte Rückstand, Norris nur 84. (Vor dem Ungarn GP und dem Platztausch.) Heute sage ich: Okay, vielleicht war das gut. Denn so hat man Piastri nicht seinen ersten Sieg genommen und ihn vielleicht gebrochen.
Hinweis: Ich habe diesen Artikel verfasst, damit ich mich in Social Media nicht immer wiederholen muss – und ich hier sehr viel weiter ausholen kann.
Stand: 24.11.2025 – Norris mit 390 vorne, Piastri und Verstappen mit 366 als Verfolger